Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Vor orthopädischer OP Zweitmeinung einholen

Wenn es um eine geplante Operation an der Wirbelsäule, der Hüfte oder an einem anderen Gelenk geht, sind viele Patienten verunsichert und das zu Recht. Schließlich ist auch das modernste operative Verfahren nicht gänzlich ungefährlich und die Abwägung zwischen Risiko und erwartetem Nutzen manchmal komplexer als gedacht. Nicht immer garantiert ein operativer Eingriff etwa eine vollständige Schmerzbefreiung, sodass hinterher trotzdem mit Bewegungseinschränkungen oder einer medikamentösen Therapie zu rechnen ist. Auf der anderen Seite stehen längerfristige konservative Heilmethoden, die Patienten eine Schmerzlinderung und Verbesserung der Lebensqualität in Aussicht stellen. Doch zu welcher Gruppe gehört man als Betroffener und welcher Weg ist der Richtige? Steht man als Patient kurz vor einer empfohlenen Operation, ist man mit seinen Bedenken oft auf sich alleine gestellt. Die Empfehlungen seines Arztes zu hinterfragen, ist dabei nicht einfach – und trotzdem enorm sinnvoll. Anstatt sie unkritisch hinzunehmen, raten viele Patientenvereinigungen nicht umsonst dazu, sich mit der Notwendigkeit eines planbaren Eingriffs stets auch selbst auseinanderzusetzen. Manchmal kann eine ärztliche Zweitmeinung Betroffenen auf diese Weise unnötige Operationen ersparen und den Weg für Alternativen öffnen.

Zu viele Operationen am Bewegungsapparat

Seit vielen Jahren beschäftigen sich die Akteure des deutschen Gesundheitssystems mit dem Verdacht, bestimmte Operationen würden hierzulande zu häufig durchgeführt werden. Gerade für die orthopädische Chirurgie ist das ein wichtiges Thema. Operationen am Bewegungsapparat wie Rücken, Knie, Schulter oder Hüfte gehören nämlich seit Jahren zu denen, die am häufigsten vorgenommen werden. Genau in diesem Bereich gehen die Meinungen vieler Experten auch stark auseinander. Während manche Mediziner dem Leid ihrer Patienten im Rahmen der modernen Chirurgie auf schnellstem Wege ein Ende setzen wollen, warnen andere Kollegen vor eben diesen Eingriffen. Tatsächlich ist eine Operation nicht für jeden Patienten förderlich. Im schlimmsten Fall kann der Nutzen des Eingriffs geringer sein als das Risiko der OP selbst. So ist bei Gelenkarthrose die Physiotherapie ab einem bestimmten Lebensalter manchmal gewinnbringender als eine chirurgische Behandlung. 

Die gleiche Abwägung ist beispielsweise auch bei einem Bandscheibenvorfall wichtig. Verursacht dieser keine neurologischen Störungen oder gar Lähmungserscheinungen, lässt sich die Beschwerden-Symptomatik in der Regel gut mit konservativen Heilmethoden behandeln.

Jeder hat das Recht auf eine Zweitmeinung

Grundsätzlich sollte deshalb jeder Patient die Möglichkeit nutzen, planbare Eingriffe mit einem weiteren Spezialisten abzuklären. Bereits das sichere Gefühl am Ende, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, ist es das wert. Arthrose-Patienten sollten jedoch besondere Vorsicht walten lassen. Jährlich werden Hunderttausende Hüften und Knie einer Operation unterzogen, die ihren Besitzern in manchen Fällen durch eine konservative Arthrose-Therapie erspart werden könnte. Beim Einsatz von künstlichen Gelenken sollten Patienten unter 60 Jahren zudem beachten, dass ihnen nach 10 bis 15 Jahren vermutlich ein Austausch der Prothesen bevorsteht. Ebenso bedeutet der Eingriff nicht automatisch eine langfristige Schmerzbefreiung. Es lohnt sich deshalb immer, kritisch und interessiert zu bleiben. Diese Haltung ist kein Zeichen von Misstrauen gegenüber seinem Arzt. Vielmehr geht es für Patienten darum, interessiert und mündig zu bleiben. Mach ein Eingriff lässt sich dank einer Zweitmeinung durch andere Maßnahmen so hinauszögern oder gar vermeiden.

Arthrose-Patienten: Besondere Aufmerksamkeit gefragt

Das Recht darauf, vor einem geplanten operativen Eingriff auf eigene Faust eine medizinische Zweitmeinung einzuholen, steht jedem gesetzlich Versichertem zu. Dieses wird ihm durch die im Sozialgesetzbuch V festgelegte „freie Arztwahl“ garantiert. Zusätzlich wurde im vergangenen Jahr das sogenannte „strukturierte Zweitmeinungsverfahren“ um die Schulterarthroskopie erweitert. Herbei muss der Arzt seine Patienten aktiv über ihre Möglichkeit informieren, eine weitere, unabhängige ärztliche Meinung einzuholen und sie bei der Arztsuche unterstützen. Bisher gab es dieses Verfahren lediglich für Operationen an Rachenmandeln und der Gebärmutter. Obwohl gesetzliche Krankenkasse auch außerhalb dieses strukturierten Verfahrens die Kosten für den Besuch bei einem weiteren Spezialisten übernehmen, wird diese Option aber nicht immer genutzt.

Darauf deuten zumindest die Zahlen einer repräsentativen Umfrage der Barmer GEK. So gaben 43 Prozent der Befragten an, dass sie im Vorfeld eines medizinischen Eingriffs noch nie eine weitere Meinung eingeholt haben. Dabei wurde in 17 Prozent der Fälle derer, die einen weiteren Arzt konsultiert haben, eine alternative Therapieempfehlung ausgesprochen. 

„Natürlich gibt es viele Fälle, in denen eine Operation zweifelsfrei und dringend anzuraten ist. Daneben existiert jedoch auch eine Grauzone, in der ein Eingriff helfen kann, aber nicht muss. Hier gilt es deshalb, individuell abzuwägen und zunächst alle anderen Therapieangebote auszuschöpfen. Eine Operation sollte immer die letzte Option darstellen.“, so Dr. Arnold, Orthopäde aus Düsseldorf. 

Doppeluntersuchungen vermeiden – Befunde mitbringen

Eine ärztliche Zweitmeinung ist demnach nicht nur legitim, sondern sogar erwünscht. Deswegen sollten Patienten beim Abklärungstermin von Anfang an mit offenen Karten spielen: Indem sie ihre Bedenken an der geplanten Operation frei äußern und um eine unabhängige Beurteilung bitten, helfen sie dem Arzt, ihre Lage richtig einzuschätzen. Auch unnötige Doppeluntersuchungen sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Ob Röntgenbilder, Blutwerte oder EKG – Es ist ratsam, alle vorhandenen Unterlagen und Befunde bereits im Vorfeld zu erbitten und zum Zweitmeinungsgespräch mitzubringen. Diese sollte die behandelnde Praxis problemlos ausstellen können. Röntgenaufnahmen werden dabei leihweise weitergegeben. Einen Grund für die Anfrage müssen Patienten nicht angeben.

Redaktionelle Hinweise:

  • Versicherte können in der freien Arztwahl in dem Fall eingeschränkt sein, wenn sie sich in ein spezielles Versorgungsmodell ihrer Krankenkasse eingeschrieben haben.

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